Zur Selbstständigkeit befähigt

Über die reine Wissensvermittlung hinaus

In Guinea hat Pierrette Chenevard ihre Expertise in der Pädagogik im Dienst von Mercy Ships eingesetzt und medizinische Lehrkräfte ausgebildet. Eine Mission, die das Engagement der Organisation unterstreicht, die vor fast 50 Jahren in der Schweiz gegründet wurde und sich für die nachhaltige Stärkung der Kompetenzen lokaler Gesundheitsfachkräfte einsetzt.

Vor einigen Monaten reiste Pierrette Chenevard im Rahmen eines humanitären Einsatzes mit Mercy Ships von Genf nach Conakry in Guinea, Westafrika. Als medizinische Delegierte des IKRK, als Ausbildungsverantwortliche des Verbands «H+ Die Spitäler der Schweiz» und als Spezialistin für Erwachsenenbildung hat Pierrette Chenevard den grössten Teil ihrer Laufbahn dem Ausbilden, Lehren und Lernen gewidmet. In ihrer Funktion als Bildungsingenieurin trat sie diese Reise an, um rund vierzig Fachpersonen weiterzubilden, die kurz davorstehen, den Titel einer ordentlichen Professur an der Gamal Abdel Nasser Universität von Conakry (UGANC) zu erlangen. Sie stammen aus verschiedenen Subsahara-Ländern und vertreten unterschiedliche medizinische Fachgebiete wie Zahnmedizin, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Gynäkologie und Geburtshilfe, Allgemeinchirurgie, Neurochirurgie, Kardiologie, Urologie und Anästhesiologie.

Pierrette Chenevard
Pierrette Chenevard, Spezialistin für Erwachsenenbildung und Freiwillige

Eine nachhaltige Investition

Fernab klassischer Frontalvorlesungen zielte der Workshop mit dem Titel «Anders lehren – Interaktive Ansätze in der Erwachsenenbildung» darauf ab, die Lehrkompetenzen der Teilnehmenden zu stärken. Und zwar mittels Gruppenarbeiten und mit Methoden, die das aktive, selbstverantwortliche Lernen der Teilnehmenden ins Zentrum stellen. Raphaël Yaradouno, Education, Training & Advocacy Project Officer bei Mercy Ships, unterstützte die Schweizerin während der gesamten Weiterbildung. Er erinnert sich daran, wie sie mit ihrem grossen Erfahrungsschatz und ihren wertvollen Ratschlägen zahlreiche prägende Denkanstösse vermittelte.

«Jemanden auszubilden ist wie einen Baum zu pflanzen: Das ist erst der Anfang. Danach muss man ihn giessen, pflegen und schützen, bis er Früchte trägt – und diese Früchte wiederum neue Bäume hervorbringen.»

Mercy Ships ist vor allem für die kostenlosen chirurgischen Eingriffe an Bord ihrer Spitalschiffe bekannt. Der Einsatz von Pierrette Chenevard zeigt eine weniger bekannte aber ebenfalls wichtige Seite von Mercy Ships: den nachhaltigen Aufbau lokaler medizinischer Kompetenzen durch Aus- und Weiterbildung sowie Wissensvermittlung.

In Subsahara-Afrika hat eine von zehn Personen keinen Zugang zu der chirurgischen Versorgung, die sie benötigt.

Während in Subsahara-Afrika heute neun von zehn Menschen keinen Zugang zu den chirurgischen Eingriffen haben, die sie benötigen, tragen die chirurgischen Leistungen, die Ausbildungsprogramme und die gesundheitspolitische Interessenvertretung von Mercy Ships dazu bei, diese Ungleichheit langfristig zu verringern.

Das zahnmedizinische Ausbildungszentrum von Mercy Ships in Guinea

Die Investition in lokale Gesundheitsfachleute ist ein wichtiger Schlüssel zu nachhaltiger Wirkung – und die Arbeit von Mercy Ships in Guinea veranschaulicht dies eindrücklich. Mit der Eröffnung des Zentrums für zahnmedizinische Ausbildung und Versorgung, das in enger Zusammenarbeit mit der UGANC entstanden ist, ermöglicht Mercy Ships den Studierenden der Zahnmedizin eine praxisorientierte Ausbildung. Der praktische Teil, der noch vor wenigen Jahren im Studiengang fehlte, ist heute fest in den Lehrplan integriert.

Das Zentrum ist weit mehr als eine Zahnklinik. Es verfügt über Simulatoren, Übungspuppen für praktische Trainings, ein Labor zur Herstellung von Zahnersatz und weitere moderne Einrichtungen. Zudem befindet sich derzeit ein Simulationszentrum für die gesamte Fakultät für Gesundheitswissenschaften und -technologie (FSTS) im Bau. Es wird Ende des Jahres auf dem Campus eröffnet und die Kapazitäten für Patientenversorgung, klinische Praxis sowie Aus- und Weiterbildung in allen bestehenden medizinischen Fachrichtungen deutlich erweitern.

Ana Filipa Coelho, Zahnärztin und Program Officer von Mercy Ships in Guinea, setzt ihre Kompetenzen vielseitig ein: Sie unterrichtet, begleitet Studierende, behandelt Patientinnen und Patienten und koordiniert Besuche internationaler Partner und Fachpersonen, die nach Conakry reisen, um zur Ausbildung der Studierenden beizutragen. Nachdem sie Pierrette Chenevard bei einem Kurs im Kanton Waadt kennengelernt hatte, lud sie sie nach Guinea ein, um diese Weiterbildung zu pädagogischen Methoden durchzuführen.

Über das Vermitteln didaktischer Werkzeuge hinaus war die Weiterbildung auch eine zutiefst menschliche Erfahrung. In einer Atmosphäre des Zuhörens, des Respekts und der gegenseitigen Ermutigung – beispielsweise im Rahmen der Übung «Positive Gossip» – wurden die Teilnehmenden eingeladen, ihre Rolle als Lehrpersonen zu reflektieren und darüber nachzudenken, wie sie ihre Studierenden zu mehr Eigenständigkeit und Verantwortung führen können.

Noch vor ihrer Abreise lud David Ugai, Landesdirektor von Mercy Ships in Guinea, Pierrette Chenevard ein, Ende Jahr zurückzukehren. Gemeinsam mit Fachpersonen aus anderen Bereichen wie Luftfahrt, Infektiologie oder Geschichte wird sie dann einen interdisziplinären Ansatz vorstellen, der es den Teilnehmenden erlaubt, über die Grenzen ihres beruflichen Alltags hinauszublicken und gemeinsame Reflexionen anzustossen.

Beeindruckt vom Engagement, der Unterstützung und dem herzlichen Empfang durch das inspirierende Team rund um David, Ana Filipa und Raphaël sagt Pierrette Chenevard: «Ich habe einen aussergewöhnlichen Moment gelebter Menschlichkeit erlebt. Wegen all dieser Menschen möchte ich zurückkehren.»

Auf dem Weg zur Selbstständigkeit

«Pädagogik beschränkt sich nicht auf die Vermittlung von Wissen; ihr Ziel ist es, Lernende zur Selbstständigkeit zu befähigen.» - Pierrette Chenevard

Indem sie sich für die Weiterbildung von Lehrpersonen engagiert, trägt Pierrette Chenevard zu einem Multiplikatoreffekt bei: Wer diejenigen ausbildet, die künftige Ärztinnen und Ärzte, Chirurginnen und Chirurgen sowie weitere Gesundheitsfachpersonen unterrichten, investiert in ganze Generationen von Fachkräften, die ihrerseits Tausende von Patientinnen und Patienten betreuen werden.

Raphaël Yaradouno hebt das Leitmotiv hervor, das die Expertin während ihres Aufenthalts immer wieder betonte: «Pädagogik beschränkt sich nicht auf die Vermittlung von Wissen; ihr Ziel ist es, Lernende zur Selbstständigkeit zu befähigen

Für Mercy Ships veranschaulichen Initiativen dieser Art ihre Vision in besonderer Weise: nicht nur chirurgische Versorgung zu leisten, sondern auch Wissen weiterzugeben und lokale Akteurinnen und Akteure zu stärken, damit positive Veränderungen noch lange weiter Bestand haben, wenn das Spitalschiff zu seinem nächsten Einsatzort aufgebrochen ist.

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