Im Vorfeld: Humanitäre Diplomatie

Mit Jonathan Ziehli, Leiter der diplomatischen Beziehungen bei Mercy Ships

Seit zehn Jahren Mitarbeiter von Mercy Ships Schweiz, spricht Jonathan Ziehli über seinen Werdegang – von seiner ersten humanitären Erfahrung bis zu den Herausforderungen, denen er bei den Verhandlungenbegegnet, die die Durchführung der Mission ermöglichen.

Die Verbindung zweier Welten

Eine humanitäre Erfahrung hinterlässt bei ihm einen bleibenden Eindruck: Beim Besuch von Flüchtlingslagern, Gefängnissen und Waisenhäusern in Südafrika, Thailand und Kambodscha kommt Jonathan Ziehli dem „Terrain“ sehr nahe. Seine Leidenschaft für Geschichte, Geografie und aktuelle Ereignisse führt ihn zu seinem Bachelor in Internationalen Beziehungen in Genf, gefolgt von einem Master in Politikwissenschaft.
Sein erstes Praktikum bei der UNO brachte ihn direkt mit dem weltpolitischen Geschehen in Kontakt. Das zweite, an der Schweizer Botschaft in Katar, führte ihn in die Welt der Geopolitik sowie der bilateralen und multilateralen Diplomatie ein, bevor er bei Mercy Ships Schweiz als Projektkoordinator seine erste Stelle in einer NGO antritt.

„Hier habe ich die Verbindung meiner beiden Welten gefunden: Humanitäres und Diplomatie.“

Oft ist er mit Delegationen unterwegs, die vor der Ankunft des Schiffes das Einsatzgebiet evaluieren, und vernetzt dabei die Schweizer Partner, die direkte Unterstützung vor Ort leisten. Innerhalb von Mercy Ships nimmt die Schweiz eine zentrale Rolle als „programmatische Brücke nach Afrika“ ein. Als Vertreter von Mercy Ships gegenüber Regierungen wird er 2025 Direktor für Diplomatie.

„Mit dem Afrika-Team bereiten wir gemeinsam mit den Regierungen die Schiffseinsätze vor – von den Vereinbarungen bis zu deren Umsetzung.“

Das Schweizer Programm-Team

"Wir bereiten gemeinsam mit den Regierungen die Schiffseinsätze vor - von den Vereinbarungen bis zu deren Umsetzung." - Jonathan Ziehli

Auch wenn das Mandat der Mittelbeschaffung und Rekrutierung des Schweizer Büros bekannt ist, wird seine Unterstützung für die Programme – also für die Arbeit im Einsatzgebiet – oft weniger wahrgenommen. Diese besteht aus zwei Hauptachsen: der Verbin-dung von Schweizer Partnern oder Projekten mit den Aktivitäten von Mercy Ships vor Ort sowie der Unterstützung der Programme mit personellen Ressourcen, beispielsweise bei Renovations- und Infrastrukturprojekten.
Mehrsprachig und eng vernetzt mit zahlreichen internationalen Organisationen bringt die Schweiz Kompetenzen und eine strategische Lage ein, die für die Mission zentral sind – etwa im Rahmen der Weltgesundheitsversammlung (WHA, World Health Assembly) in Genf.

Jonathan Ziehli et Lucile Arthaud (
Jonathan Ziehli und Lucile Arthaud (Leiterin Programmförderung und Fondsmanagement bei Mercy Ships Schweiz) am PASHeF, dem Pan African Surgical Healthcare Forum.

Diplomatie in einer NGO

Die Rolle der Diplomatie bei Mercy Ships ist entscheidend, denn die Mission beginnt lange bevor der erste Patient die Gangway des Schiffes betritt.

„Wir beginnen die Gespräche mit den Regierungen zwei bis drei Jahre im Voraus. Unsere Mission ist anspruchsvoll: Container importieren, mit den verschiedenen Ministerien zusammenarbeiten, Patienten im ganzen Land auswählen, die Immunität des medizinischen Personals sicherstellen, einen Liegeplatz im Hafen reservieren… Dutzende Themen müssen im Voraus mit den Regierungen verhandelt werden, die uns in ihr Land einladen.“

Die Mission beginnt lange bevor der erste Patient die Gangway des Schiffes betritt.

Die Verhandlungen führen zu zwei Arten von Abkommen, ohne die die Mission nicht stattfinden kann: dem Protokoll und dem Sitzabkommen. Diese werden mit einer Vielzahl von Akteuren koordiniert – von der Botschaft über die Präsidentschaft bis hin zu verschiedenen Ministerien. Die Verhandlungen erfordern grosse Antizipation, und jede Verzögerung führt zu erheblichen logistischen Schwierigkeiten. Mercy Ships hat Abkommen mit sieben Ländern und befindet sich mit vier weiteren in Verhandlung.
„Man muss verstehen, dass die Länder, mit denen wir Abkommen haben, gleichzeitig auch Länder sind, mit denen wir weiterhin verhandeln: um die Abkommen zu erneuern oder sie aufgrund neuer Gesetze anzupassen usw. Wir möchten langfristige Beziehungen mit ihnen aufbauen.“

Das erste Glied

Sobald die diplomatischen Verhandlungen abgeschlossen sind, übernehmen die Country Engagement Teams (CET) und setzen die Vereinbarungen konkret um: Austausch mit dem Zoll, Aufbau des CET-Teams, Auswahl der Patientinnen und Patienten sowie die Logistik für die Inbetriebnahme eines HOPE Centers (eine Einrichtung, vergleichbar mit einem Hostel mit 300 Betten, die dafür vorgesehen ist, Patientinnen und Patienten vor und nach ihrer Operation aufzunehmen, zu verpflegen und unterzubringen). Das Ganze wird verdoppelt, da es für jedes der beiden Schiffe jeweils in einem eigenen Einsatzland umgesetzt wird.

Mit eiserner Hand im Samthandschuh

Diplomatie ist eine Frage des Gleichgewichts: Sie erfordert Fingerspitzengefühl und Nuancen ebenso wie Mut und Entschlossenheit, um die eigenen Anliegen durchzusetzen.

«Wenn man zu stark in die eine oder andere Richtung geht, scheitert die Mission.»

Eine Grauzone, die unangenehm sein kann, wenn es darum geht, den Zeitplan und die Logistik der Organisation mit jenen des Gastlandes in Einklang zu bringen. Ein fragiles Gleichgewicht, das immer wieder durch Herausforderungen, wie geopolitische Veränderungen, Naturkatastrophen oder Epidemien erschüttert wird.

Ein Leben voller Kontraste

Jonathan Ziehli betont den Reichtum der Begegnungen und die Vielfalt der Kontexte, mit denen er konfrontiert ist – von einem Präsidentenbesuch bis hin zu einem Patienten mit einem durch einen Tumor entstellten Gesicht.
„Mit 19 Jahren hatte ich diesen Traum, zu reisen und meine beiden Leidenschaften zu verbinden. Und heute tue ich genau das: ‚Diplomatie‘ für eine humanitäre Sache und im Dienst der Interessen einer NGO.“

Was unseren Einsätzen vorausgeht

Diplomatie

Unterzeichnung des Protokolls und des Sitzabkommens

Einsatzvorbereitungsteams

Einsatz der Country Engagement Teams, die bis nach dem Einsatz des Spitalschiffs im Land bleiben, um Monitoring und Evaluation sicherzustellen

Patientenauswahl

Patientenauswahl in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium und den lokalen Gesundheitseinrichtungen

Ankunft des Spitalschiffs

Das Spitalschiff läuft im Hafen ein und bleibt dort durchschnittlich zehn Monate festgemacht

Chirurgische Eingriffe

Das Spital an Bord öffnet seine Türen und bietet spezialisierte Operationen an, die von hochqualifizierten internationalen Freiwilligen durchgeführt werden

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