Ulrichs Geschichte

Unter den hunderten von Kamerunern, die wegen orthopädischer Probleme unsere Hilfe suchten, fiel ein Junge besonders auf. Selbst unsere abgehärtesten Mitarbeiter, die schon einiges gewöhnt sind, hatten so etwas noch nie gesehen!

Doktor Frank Haydon, unser Orthopädiearzt, hat bei seinen zahlreichen Einsätzen an Bord der Africa Mercy schon hunderte von jungen Patienten operiert. Aber der Zustand von Ulrich hat auch ihn erschüttert. „Wenn ich denke, ich hätte gerade den schwierigsten Fall meiner Karriere operiert, steht auf einmal ein neuer Patient wie Ulrich vor mir. Diese Patienten wecken in mir immer wieder neu den Wunsch, mich auch weiterhin für die Ärmsten der Armen einzusetzen.“

Die Krankheit von Ulrich, auch als Streckmuskelverkrampfung bekannt, kommt äusserst selten vor. Seine Knie waren bereits bei der Geburt verrenkt, die Muskeln entwickelten sich langsamer als die Knochen und so nahmen seine Beine im Lauf der Jahre eine geradezu surrealistisch anmutende Stellung ein. Da es keine Behandlung gab, musste Ulrich sich mit der Behinderung arrangieren und mithilfe von zwei soliden Stöcken lernte er mehr schlecht als recht zu laufen. Sein Anblick erinnerte an eine Heuschrecke und er musste manchen Spott einstecken.

Trotz schiefer Blicke und Hänseleien besuchte er die Dorfschule und verschaffte sich bei seinen Mitschülern Anerkennung. Dank seinem starken Willen entwickelte er eine erstaunliche Fähigkeit, auf Bäume zu klettern, und erlangte sogar eine gewisse Berühmtheit, weil er auch die besonders schwer erreichbaren Papayas pflücken konnte! Aber der lange Schulweg und die Anstrengungen der Fortbewegung schwächten seine Handgelenke und verursachten immer stärkere Schmerzen…

Seit seiner Geburt versuchten Ulrichs Eltern, Hilfe zu bekommen. Aber der komplizierte Fall schien den Ärzten geradezu Angst zu machen! Seine Mutter Georgette erinnert sich: „Kein Doktor wollte ihn anfassen. Es tat weh, ihn so leiden zu sehen. Wenn es ihm schlecht ging, ging es mir auch schlecht.“

Mehrere komplizierte Operationen waren nötig, um die Beine zu korrigieren. Zunächst nahm sich Dr. Haydon das rechte Bein vor. Als Ulrich aufwachte, traute er kaum seinen Augen: das rechte Bein war … gerade! Eine Woche später und zu seiner grossen Freude passierte dasselbe mit seinem linken Bein.
Damit war das Schwierigste überstanden. Aber der weitere Weg war immer noch lang und mühsam. Eine nicht zu vernachlässigende Phase bestand darin, die so lange nicht gebrauchten Muskeln wieder aufzubauen und zu stärken. Aber schliesslich kam der Tag, an dem er ohne Hilfe laufen konnte. Welch ein Triumph! Hoch aufgerichtet geht er auf seine Mutter zu, die ihn lange an sich drückt.

Nach drei Monaten Rehabilitation ist es Zeit, uns zu verlassen. Ulrich und seine Mutter sind bereit, nach Hause zurückzukehren. Doch vorher will Ulrich dem Menschen, der sein Leben verändert hat, ein Geschenk überreichen. Im ersten Moment ist Dr. Haydon verblüfft, aber dann nimmt er bewegt die beiden Stöcke in Empfang, die Ulrich manches Jahr geholfen haben, sich fortzubewegen … und die er jetzt nicht mehr braucht.

Kamerun

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Das Wort des Arztes

Wenn ich denke, ich hätte gerade den schwierigsten Fall meiner Karriere operiert, steht auf einmal ein neuer Patient wie Ulrich vor mir. Diese Patienten wecken in mir immer wieder neu den Wunsch, mich auch weiterhin für die Ärmsten der Armen einzusetzen.

Dr. Frank Haydon

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