Adamas‘ Geschichte

Adama war seit ein paar Monaten schwanger und es ging ihr gut. Aber ein völlig unerwartetes Ereignis machte ihre Freude über eine komplikationslose Schwangerschaft zunichte.

Adama ist 30 Jahre alt und hat bereits vier Kinder. Sie ist also eine geübte Mutter und die neue Schwangerschaft ist schon beinah Routine. Im fünften Monat merkt sie jedoch, dass ihre Sehkraft nachlässt. Ihr Gesichtsfeld wird immer kleiner und sie sieht bald nur noch verschwommene Formen.

In beiden Augen haben sich gleichzeitig zwei weissliche Plättchen gebildet. Adama weiss noch nicht, dass sie an grauem Star leidet. Sie ist etwas beunruhigt, meint aber, das hänge mit der Schwangerschaft zusammen und werde nach der Geburt wieder zurückgehen. Doch in kürzester Zeit versinkt ihr Leben in der Dunkelheit.

Der Geburtstermin naht und Adama bringt ein wunderschönes Baby zur Welt, dem – Überraschung – ein zweites folgt! Ein Junge und ein Mädchen erfüllen sie von Anfang an mit grosser Freude. Sie nimmt sie in die Arme, aber es kommt ihr vor, als hätten die Kinder keine Gesichter.

„Gleich nach der Geburt hat man mir die Kinder in die Arme gelegt, aber ich habe nichts gesehen. Das hat mir langsam Angst gemacht, der Gedanke, dass ich ihre Gesichter nie kennen würde. Ich war verzweifelt!“

Adama ist gezwungen, zu ihrer Schwester Aissatou zu ziehen – die selbst Mutter von sechs Kindern ist – und verliert die Hoffnung auf ein normales Leben. Mit zwölf Kindern hat Aissatou genug zu tun und versucht mehr schlecht als recht, ihren Aufgaben nachzukommen. Adama selbst fühlt sich völlig unnütz. „Wegen der Augen konnte ich mich nicht allein fortbewegen, auf den Markt gehen, in der Küche helfen oder die Wäsche machen. Ich konnte nichts tun!“ Sie wird eine Belastung für ihre Schwester, aber auch für ihre eigenen Kinder.

Seit dem Beginn der Erkrankung ist ein Jahr vergangen. Die Zwillinge sind inzwischen sechs Monate und fangen an, herumzukrabbeln, natürlich ohne dass ihre Mutter sie sehen kann! Die Tatsache, dass sie die beiden immer noch nicht wirklich erkennt, lastet schwer auf ihrem Herzen. Die Gesichter ihrer beiden Kleinen bleiben ihr ein Rätsel.
Eines Tages hört Adamas Mann von unserem Spitalschiff. Ein erster Hoffnungsschimmer! Der graue Star wird klar erkannt und Adama gehört zu den Auserwählten, die gratis an Bord operiert werden können.

Am Tag nach der Operation ist es an der Zeit, die Verbände abzunehmen. Adama hält die Augen noch einige Sekunden lang geschlossen. Aus Angst vor einem Fehlschlag? Langsam wagt sie es doch. Die Familie steht um sie herum und wartet gespannt auf ihre Reaktion. Schliesslich erhellt ein Lächeln ihr Gesicht und bestätigt den Erfolg.

Sofort gleitet ihr Blick über die Menschen, die sie umgeben. Einige sind bekannt. Aber da sind zwei Babys, an denen sie hängenbleibt. Mariama und Abdourahim, ihre Zwillinge, zeigen endlich ihre geheimnisvollen Gesichter. Die Finsternis ist besiegt! „In dem Moment war es mir, als wäre ich im Paradies … und würde meine Lieben wiedersehen, die vor mir gestorben sind!“ Nach einem Jahr in der Dunkelheit eröffnet sich Adama ein neues Leben und sie kann nicht aufhören, ihre Kinder anzusehen: „Ich hätte nie gedacht, dass meine Babys so hübsch sind!“

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Ellen Johnson Sirleaf - Präsidentin, Liberia