René Lehmann über die Auswirkungen des Coronavirus auf Mercy Ships

24 April 2020

Überall verursacht das Coronavirus unglaubliche Herausforderungen und stellt unseren Alltag auf den Kopf. Unser Leben ist immer mehr Einschränkungen unterworfen. Niemand kann ihnen entkommen. Auch unser aktueller Einsatz in Senegal bildet da keine Ausnahme. René Lehmann ist seit 2012 Geschäftsführer von Mercy Ships in der Schweiz. Er blickt auf die Ereignisse der letzten Wochen und ihre Auswirkungen auf Mercy Ships zurück.

 

René, wie geht es dir in diesem „Sturm“?

Etwas aufgewühlt, aber gut! Aufgewühlt, weil die Africa Mercy jetzt kurzfristig den Einsatz in Senegal unterbrechen musste und wir davon ausgehen müssen, dass der afrikanische Kontinent durch die Pandemie betroffen sein wird. Gut, weil ich enorm dankbar bin, dass keiner unserer Patienten und niemand von unserer Crew bis zur Abfahrt vom Virus infiziert worden ist und dass alle Schweizer, die zurückkehren mussten oder wollten, jetzt wohlbehalten zu Hause sind.

Einen Einsatz zu unterbrechen, darf keine leichtfertige Entscheidung sein!

Nein, es ist ein sehr schmerzhafter Entscheid. Zuerst wegen jener Patienten, die wir nicht mehr operieren konnten, und dann auch wegen unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter, die plötzlich quasi arbeitslos wurden. Uns sind viele Fälle bekannt, wo sie sich auf einen Einsatz an Bord freuten und plötzlich alles annullieren mussten. Andere waren kaum auf dem Spitalschiff angekommen, als sie nach Hause zurückkehren mussten.

Stimmt es, dass du sogar die Repatriierung einiger ehrenamtlicher Mitarbeiter organisieren musstest?

Ja genau… eine interessante Erfahrung, wenn es auf einmal keine Flüge mehr gibt, Grenzen geschlossen sind, usw. Z.B. konnten plötzlich die australische und kanadische Crew nicht mehr ausreisen, weil eine Weiterreise ab Brüssel nicht mehr möglich war. Für die Schweizer Crew fand sich eine Lösung mit einem Spezialflug, der vom EDA gechartert wurde, um Schweizer Staatsangehörige aus Westafrika nach Hause zu fliegen. Die Schweizer Botschaft in Dakar hat uns da sehr effizient und unbürokratisch unterstützt. Ich war regelmässig mit unserer Botschaft in direktem Kontakt, alles hat geklappt, auch dafür bin ich sehr dankbar.

Welche waren die Hauptgründe für die Einstellung des Einsatzes in Senegal?

Mit seinen Volunteers, die fast jeden Tag aus der ganzen Welt an Bord kommen, und dem regen Kommen und Gehen unserer Patienten lief Mercy Ships Gefahr, selbst Verbreiter des Corona Virus in Senegal zu werden. Es hätte ein einziger Corona-Nachweis an Bord genügt, um das gesamte Schiff für unbestimmte Zeit in Quarantäne zu schicken, zudem hätten infizierte Mitarbeiter in einem lokalen Spital in Quarantäne gehen müssen. Wir haben alle von diesen Kreuzfahrtschiffen gehört, namentlich jenem in Japan, welche zu schwimmenden „Gefängnissen“ für Tausende von Passagieren wurden! Wir mussten ein solches Szenario unbedingt vermeiden. Und zu guter Letzt war es auch eine Entscheidung, welche gemäss den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und in Einklang mit der senegalesischen Regierung gefällt wurde.

Weshalb kann die Africa Mercy nicht zur Behandlung von Covid-19 benutzt werden?

Es gibt dafür verschiedene Gründe. Kurz gesagt: die Africa Mercy ist bestens eingerichtet für chirurgische Einsätze. Aber sie ist weder dafür ausgerüstet, stark ansteckende Patienten zu behandeln, noch solche mit erheblichen Atemproblemen.

Die Africa Mercy stellt den Einsatz rund 2 Monate früher als geplant ein. Was wurde erreicht?

Tausende Menschen können dank einer Operation, einer Zahnbehandlung und Gebeten neue Hoffnung schöpfen. Mit Ausnahme der Fistula-Operationen haben wir im Chirurgischen unsere Behandlungsziele bis dato erreicht und sogar übertroffen. Weiterbildungs- und Mentoring- Programme für medizinische Fachkräfte wurden an Bord des Schiffes und über das ganze Land verteilt angeboten. Diese Programme sind in der aktuellen Situation für das lokale Gesundheitspersonal eine grosse Ermutigung und werden so rasch als möglich weitergeführt.

Das Schiff ist jetzt in Teneriffa, wie geht es weiter…

Obwohl wir das Virus bis zur Abfahrt in Dakar „nicht an Bord“ hatten, liegt die Africa Mercy im Moment in einem „Industriehafen“ auf Teneriffa in Quarantäne vor Anker. Mit an Bord sind 239 Crew,  die entweder Senegal nicht mehr verlassen konnten oder die für die Überfahrt und einen minimalen Betrieb notwendig sind. Was die Schweizer an Bord betrifft: wir haben Tamara (Bäckerin), Andreas (Seelsorger) mit seiner Familie und auch Alphonse (Chief Engineer). Alphonse ist übrigens ein Mitarbeiter von Mercy Ships Schweiz und hilft immer wieder an Bord aus, wenn es Verstärkung braucht. Eine Aufgabe von Alphonse wird jetzt sein, die ohnehin Mitte Juni geplante Wartungsphase auf Las Palmas vorzuverschieben.

Wird Mercy Ships nach Senegal zurückkehren?

Wir hoffen und planen, möglichst schnell nach Senegal zurück zu kehren, sobald es die Covid-19 Situation zulässt! Wir haben ja auch Material zurückgelassen. In dieser Krise wird jedem von uns vor Augen geführt, wie wichtig ein gut funktionierendes Gesundheitssystem ist. Mercy Ships hat in den vergangenen Monaten in Senegal viel bewegen können, gerade auch im Bereich der Ausbildung/Weiterbildung von medizinischen Fachkräften. Wir hoffen, dass sie dadurch auch befähigt wurden, diese Pandemie effektiver bekämpfen zu können. Wir sehen auch, dass eine schwimmende Plattform viele Vorteil bietet, wenn wir ein Land kurzfristig verlassen müssen: die Abreise lässt sich relativ schnell und effizient abwickeln – wir können dann aber auch rasch wieder zurückkehren und unsere Arbeit weiterführen, ohne Risiko, dass Infrastrukturen usw. nicht mehr benutzbar oder abhandengekommen sind!

Wie ist die Arbeit in der Schweiz organisiert?

Alle Mitarbeiter arbeiten von zu Hause aus und sind für Sie da! Kontaktieren Sie uns – ich freue mich auf jeden persönlichen Kontakt mit Ihnen. Gleichzeitig bedanke ich mich für euer Mittragen im Gebet, die ermutigenden Worte und auch für jede weitere, finanzielle Unterstützung.

 

Erfahren Sie alles über die Massnahmen, die Mercy Ships seit Beginn der Coronavirus-Pandemie ergriffen hat.