Dr Odry

„Als ich 12 Jahre alt war, sah ich eine Frau im Fernsehen… ihr Verehrer hatte sie mit Säure überschüttet und ihre Haut verbrannt. Ihr Gesicht war mit ihrem Hals so verschmolzen, dass sie niemandem mehr in die Augen schauen konnte.“ Dr. Odry Agbessi ahmt die Verletzung nach, schiebt ihr Kinn auf die Brust. „Es gab keinen einzigen plastischen Chirurgen in Benin, der ihr hätte helfen können, und die Familie hatte kein Geld. Also fingen Leute an, Geld für sie zusammenzulegen, um sie ins Ausland schicken zu können. Als ich das sah, war ich so berührt von der Geschichte, dass ich mich für meinen jetzigen Beruf entschied.“

Der beschwerliche Weg zum Ziel

Die Geschichte ist mittlerweile lange her, aber sie war die treibende Kraft in Odrys Lebensweg. Nachdem sie die Schule erfolgreich abgeschlossen hatte, begann sie in Benin Medizin zu studieren. „Der Weg war ziemlich steinig. In meinem Land gibt es wenig Frauen, die Chirurginnen werden,“ erzählt Dr. Agbessi.

Acht Jahre lang dauerte ihr Studium, dann erhielt sie ein Stipendium, um Kenntnisse der plastischen Chirurgie in Marokko zu erlangen. Doch private Probleme in ihrer Familie zwangen sie dazu, zunächst in Benin zu bleiben. Weitere acht Jahre lang operierte sie als allgemeine Chirurgin. „Dann bekam ich zum Glück noch einmal die Chance,“ erzählt Odry. Die Umstände hatten sich mittlerweile geändert und die entschlossene Chirurgin konnte nach Marokko ausreisen, um dort ihr wahres Ziel zu verfolgen. „2015 wurde ich endlich plastische Chirurgin,“ erzählt sie. „Natürlich gab es immer wieder Zeiten, in denen es schwierig war, in denen ich aufgeben wollte! Aber dank der Unterstützung von oben wurde ich schließlich die erste plastisch-rekonstruktive Chirurgin Benins.“

Medizinische Hilfe auf allerhöchstem Niveau

Dr. Odry Agbessi sitzt in der Cafeteria an Bord der Africa Mercy, einem Hospitalschiff, auf dem kostenlos die Ärmsten der Armen operiert werden. Es ist Zeit für ein schnelles Mittagessen während ihrer Pause. Sie ist Mentee des ehrenamtlich arbeitenden Chirurgen Dr. Tertius Venter aus Südafrika. Odry kann es kaum erwarten, wieder gemeinsam mit ihm im OP zu stehen.  Die Africa Mercy hat sie schon mehrere Male besucht und dort gemeinsam mit internationalen Kollegen operiert. Dr. Tertius Venter ist von ihrem Wissen beeindruckt: „Wir können gegenseitig viel voneinander lernen.“ Dr. Agbessi ist froh, dass sie an Bord endlich Praxiserfahrungen darin sammeln kann, vernarbte Brandwunden zu operieren: „Seitdem ich 12 Jahre alt war, war das mein Ziel. Hier kann ich es von erfahrenen Kollegen lernen.“

In Westafrika ist es für Mediziner und Medizinerinnen schwierig, weiterführende Schulungen zu besuchen, die neuesten Methoden und Erkenntnisse der Wissenschaft kennenzulernen und sich mit anderen Experten und Expertinnen auszutauschen. Auch das ist ein Grund, warum sich viele afrikanische Ärztinnen und Ärzte dafür entscheiden, ihr Heimatland zu verlassen um in Europa, Australien oder in Nordamerika zu praktizieren.  „Es ist ja nicht so, als wäre es schwierig die eigenen Fähigkeiten auf dem neuesten Stand zu halten… es ist praktisch unmöglich,“ erläutert Amy Jones, Projektmanagerin für Mercy Ships Weiterbildungs- und Mentoringrogramm.

Vom Glück zu teilen

Aber für Dr. Agbessi ist eines klar: Sie will und wird in Benin bleiben, denn Chirurginnen und Chirurgen können das Land verlassen, aber Patientinnen und Patienten können es eben nicht. Also sucht sie nach anderen Möglichkeiten, ihr Wissen und ihre Fertigkeiten zu erweitern und wiederum an andere weiterzugeben.

„Ziel des Mentoring- und Schulungsprogrammes von Mercy Ships ist es, medizinischen Fachkräften in Westafrika eine Erweiterung von Wissen und Praxis zu ermöglichen,“ erklärt Udo Kronester, Geschäftsführer von Mercy Ships Deutschland e.V. „So können wir die medizinische Versorgung in den am wenigsten entwickelten Ländern dieser Welt langfristig verbessern.“

Einige Jahre sind vergangen und Dr. Agbessi hat schon häufig im OP-Saal der Africa Mercy gestanden. Sie hat Schulungen besucht und so viel Erfahrung gesammelt, dass sie mittlerweile selbst Kurse geben kann. Neben ihrem Engagement für die international tätige Organisation setzt sich Dr. Agbessi auch in ihrem Heimatland für eine verbesserte Ausbildung ein. Dabei liegt ihr besonders die Förderung von Frauen in medizinischen Berufen am Herzen.

Dr. Agbessi ist die einzige Chirurgin in Benin für plastisch-rekonstruktive Chirurgie. Tagtäglich begegnen ihr neue Herausforderungen, auch Fälle wie die, die sie damals im Fernsehen gesehen hatte. „Ich glaube, wenn man etwas geschenkt bekommen hat, dann sollte man es auch mit anderen teilen,“ erklärt die mutige Frau. Und genau das ist, was sie tagtäglich tut.